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BUND Leipzig

Streitthema Wolf - die Wahrheit schmeckt nicht jedem

15. April 2019 | Biodiversität, Natur- und Artenschutz, RG Leipzig

Sven Möhring, Wolfsbeauftragter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Leipzig, hielt am Freitag, 13.04.2019, einen äußerst spannenden Vortrag über freilebende Wölfe in Sachsen (aktuellen Zählungen zufolge leben im Freistaat rund 18 Rudel und 4 Paare). Über 30 Interessierte fanden sich abends im Café des Haus der Demokratie Leipzig ein, um mehr über die faszinierenden Raubtiere zu erfahren.

Anhand von Bild- und Anschauungsmaterial wurde gezeigt, dass es für Laien - aber auch für Experten - mithin nicht leicht ist, einen Wolf von einem wolfsähnlichen Hund zu unterscheiden. Sven Möhring erklärte ausführlich, woran man einen Wolf erkennen kann. Neben den körperlichen Merkmalen und Exkrementen erläuterte er auch die einzigartige Spur, die Wölfe hinterlassen. Im Gegensatz zu einer Hundespur verläuft eine Wolfsspur nämlich über hunderte Meter hinweg sehr geradlinig. Das liegt daran, dass sich Wölfe im sog. geschnürten Trab fortbewegen - einem Laufstil, der besonders gleichmäßig und energiesparend ist, und bei dem die Tiere die Hinterpfote in den Abdruck der Vorderpfote der selben Körperhälfte setzen. Dabei entsteht ein Doppelabdruck, bei dem vermeintlich jede Zehe zwei Krallen besitzt.

Auch über das Rudel- und Jagdverhalten der Wölfe wurden die Zuhörenden aufgeklärt. Die wichtigsten Infos kurz zusammengefasst:

  • In einem Territorium halten sich nicht zunehmend mehr Wölfe auf. Ein Wolfsrudel ist nämlich eher eine Kleinfamilie, die aus dem Elternpaar und ihren Jungtieren besteht. Sobald die Jungtiere erwachsenen sind und geschlechtsreif werden, verlassen sie das Rudel und suchen sich eigene (meist) angrenzende Territorien. Die Rudelgröße in einem Revier schwankt somit im Jahresverlauf zwischen 5 bis 10 Wölfen. Da die Streifgebiete von Wölfen rund 100 bis 350 km² groß sind, ist es schon aufgrund der geringen Anzahl von Tieren in einem Revier nicht sehr wahrscheinlich einem Wolf zu begegnen.

  • Viele Missverständnisse über das Rudelverhalten von Wölfen, z.B. dass jedes Rudel ein Alpha- und ein Omegatier habe, konnten durch das Beobachten von Wölfen in freier Natur inzwischen widerlegt werden. Insofern hat die Wiederzuwanderung der Wölfe in ihre ursprünglichen Gebiete dazu beigetragen, auch das Verhalten von Wölfen besser verstehen zu können. Freilebende Wölfe sind äußerst sozial und versuchen Konflikten eher aus dem Weg zu gehen.

  • Im Gegensatz zu wolfsähnlichen Hunden haben Wölfe eine natürliche Scheu vor dem Menschen und weichen uns meistens aus, noch ehe wir sie bemerkt haben. Ganz selten kann es in Wolfsgebieten dennoch zu Begegnungen zwischen Mensch und Wolf kommen. In diesem Fall sollte man vor allem Ruhe bewahren, Abstand halten und dem Wolf Raum für den Rückzug geben. Nähert sich ein Wolf dennoch, dann ist es am besten sich groß zu machen, auf ihn zuzugehen und zu versuchen, ihn einzuschüchtern.

  • Übrigens sollte man Wölfe keinesfalls anlocken oder sie füttern. Auch Essensreste sollte man in Wolfsgebieten nicht draußen liegen lassen. Die instinktive Vorsicht, die Wölfe Menschen gegenüber zeigen, kann verloren gehen, wenn die Tiere positive Reize vom Menschen erfahren.

  • Zwar reißen Wölfe durchaus ungeschützte Nutztiere, doch diese stellen nicht den Hauptteil ihres Speiseplans dar. So zeigten Nahrungsanalysen, die man an Wölfen in der Lausitz durchgeführt hat, dass nur 1 Prozent der tatsächlich gefressenen Beutetiere (Biomasse) Nutztiere waren. 91,2 Prozent der im Kot enthaltenen Biomasse stammte von Wildtieren (Rehe, Wildschweine, Rothirsche).

Der Vortrag war so umfassend, dass sich stundenlang darüber schreiben ließe. Interessierten empfehlen wir zur Nachlese folgende Webseiten:

Insgesamt möchten wir Herrn Möhring für seinen Einsatz danken. Wie wichtig es ist, mit Sachinformationen und Zahlen gegen Ängste und Vorurteile anzugehen, war auch am Abend des Vortrags zu erleben:

Ein Zuhörer wollte sich von den Darstellungen nicht überzeugen lassen und brachte als "Beweis" für die Gefährlichkeit des Wolfes die Dokumentation "Wolfsangriffe in Europa, Russland, Asien und Nordamerika" mit. Diese hat der Deutsche Bundestag 2018 veröffentlicht. Der Kritiker wies mit mitgebrachten Auszügen aus dem Bericht darauf hin, dass 2010 bis 2018 rund 300 Menschen Opfer von Wölfen wurden, wovon 24 starben (vgl. S.10). Dass diese Zahlen sich auf zwei Kontinente bezogen und die größte Anzahl von Wolfsangriffen auf Tollwut zurückgeführt werden konnte - wie Herr Möhring richtigerweise betonte, konnte den Mann kaum beruhigen. Ebenso wenig ein Hinweis aus dem Publikum. Eine Person hatte die Dokumentation in voller Länge gegoogelt und darauf aufmerksam gemacht, dass darin ein Fazit gezogen wird, das Herrn Möhrings Ausführungen mehr als stützt - und mit dem wir diese Nachlese beenden möchten:

"Vergleicht man die Häufigkeit wölfischer Übergriffe auf Menschen mit denen anderer großer Beutegreifer oder Wildtiere allgemein, wird offensichtlich, dass Wölfe in Bezug auf ihre Größe und ihr räuberisches Potential zu den am wenigsten gefährlichen Tieren gehören" (ebd. S. 6).

 

 

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