Leipzig, 19. Oktober 2026
Der Baum-Überschirmungsgrad (urban tree canopy) beschreibt den prozentualen Anteil an Bodenfläche, der ab einer Höhe von 2.5 Metern von Baumkronen beschirmt wird. Der Grad der Beschirmung hat große Auswirkung auf die thermische Situation in Siedlungsgebieten. Wissenschaftliche Studien empfehlen mindestens 30% für ein gesundes Lern-, Arbeits- und Wohnumfeld.
Mit einem Überschirmungsgrad von insgesamt 22,6% (Messung in 2025) liegt die Stadt Leipzig weit unterhalb des empfohlenen Wertes. Dies ergab eine Einwohneranfrage des BUND an den Leipziger Stadtrat. Die beschirmte Fläche ist dabei in den einzelnen Stadtbezirken sehr unterschiedlich. Im Zentrum Ost sind es gerade einmal 8,43%. Dagegen haben Stadtbezirke mit Waldanteil, wie z.B. Schleußig, mit 47,55% einen hohen Überschirmungsgrad. In dieser Tabelle finden Sie die Werte für die einzelnen Leipziger Stadtbezirke.
Ursache für geringe Überschirmung: massive Baumverluste der letzten Jahre
Bauboom, Hitze und Trockenheit führten in den letzten Jahren zu massiven Baumverlusten. Der BUND Leipzig geht von mindestens 38.000 Großbäumen (Stammumfang ab 30 cm) aus, die seit 2009 im Leipziger Stadtgebiet - außerhalb des Waldes - gefällt wurden. Die Zahl ergibt sich für die Jahre 2009 bis 2016 aus Auskünften der Stadtverwaltung an den BUND über registrierte Fällungen sowie ab dem Jahr 2017 aus einer Analyse der Deutschen Umwelthilfe (DUH), veröffentlicht im Hitzecheck 2026. „Die fehlende Baum-Überschirmung ist ein hausgemachtes Problem“, stellt Elke Thiess vom BUND Leipzig fest. „Mit einer Baupolitik ohne Rücksicht auf Verluste hat sich die Stadt eines Schutzschirms beraubt, welcher für die Gesundheit und Lebensqualität der Leipziger*innen essenziell, an Super-Hitzetagen für vulnerable Gruppen sogar lebenswichtig ist“.
Stadtbäume sind systemrelevante Infrastruktur
Neben Elementen der blau-grünen Infrastruktur wie Dach- und Fassadengrün, Gewässern und Freiflächen, gilt ein hoher Überschirmungsgrad als einer der effektivsten Faktoren zur Bekämpfung von urbaner Überhitzung. Der BUND Leipzig fordert deshalb: "Stadtbäume und Baumüberschirmung sollen von der Kommune Leipzig und ihren Entscheidungsträgern endlich als wichtiger Teil der Daseinsvorsorge anerkannt und Entscheidungen danach ausgerichtet werden!". Hitzeschutz kostet Geld. Kein Hitzeschutz kostet sehr viel Geld. Nicht nur für Reparaturen an der Infrastruktur (Beispiel LVB Fugenmasse) sondern im Gesundheitswesen und der Wirtschaft, durch Produktions- und Lernausfälle. „Da ist es wenig hilfreich, wenn Vertreter von Stadtratsfraktionen immer wieder Parkplätze gegenüber Baumpflanzungen priorisieren“, klagt E. Thiess vom BUND weiter. „Gerade die Masse an im Straßenraum abgestellten Autos trägt durch Hitzeabstrahlung zur Entstehung von Tropennächten bei.“ Der BUND fordert: „Schluss mit Klientelpolitik! Handeln Sie verantwortungsvoll im Sinne der Allgemeinheit!“
3-30-300-Regel soll Ziel für die Stadt- und Bauplanung werden
Durch Bundes- und Landesrecht sowie knappen Finanzen sind die Handlungsoptionen der Kommune Leipzig begrenzt. Dennoch hat sie grundsätzlich Planungshoheit, das heißt Entscheidungsgewalt über die Nutzung von Grund und Boden. Diese Kompetenzen sollen Stadtrat und Verwaltung konsequent im Sinne einer klimaresilienten Stadtentwicklung einsetzen. Voraussetzung ist der politische Wille.
Städtische Programme, wie Straßenbaumkonzept, Stadtplatzprogramm, Begrünungssatzung etc. sind wichtig und wirken, jedoch zu spät und viel zu langsam. Neue Bäume, von denen viel zu wenig gepflanzt werden, entwickeln erst nach Jahrzehnten eine für Beschirmung ausreichend große Krone.
Die vom Urban-Forestry-Wissenschaftler Prof. Dr. Cecil Konjinendijk entwickelte 3-30-300-Regel ist ein anerkannter Leitfaden für Stadtplaner. Sie besagt: 3 Bäume sollen von jedem Gebäude aus sichtbar sein, 30 Prozent eines Stadtteils sollen mindestens von Baumkronen überschirmt sein, die Entfernung von jeder Wohnung zum nächsten Park oder Wald soll nicht mehr als 300 Meter betragen. Denn nicht allein der Grad der Überschirmung ist wichtig, sondern auch die Verteilung im Stadtgebiet.
Pressekontakte:
Elke Thiess: elke.thiess(at)bund-leipzig.de
Roxana Becker, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: roxana.becker(at)bund-leipzig.de
oder presse(at)bund-leipzig.de
Über den BUND:
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist staatlich anerkannt, mit 675.000 Unterstützer*innen einer der größten Umweltschutzverbände Deutschlands und widmet sich seit über 40 Jahren der nachhaltigen Entwicklung zu einem zukunftsfähigen Deutschland im Bereich des Natur- und Umweltschutzes. Die Regionalgruppe Leipzig kümmert sich um Umwelt und Natur in Leipzig und Umgebung. Schwerpunkte unserer Arbeit bilden die umweltpolitische Lobbyarbeit, die Umsetzung eigener Projekte und Kampagnen, die Öffentlichkeitsarbeit sowie die Umweltbildung. Thematisch beschäftigen wir uns dabei beispielsweise mit Biodiversität, Klimaschutz, Fluglärm und dem Erhalt des Auwaldes. Detaillierte Informationen finden Sie unter www.bund-leipzig.de.